Der Geruch von Heu, Kühen und Abenteuer

Sonnenschein im Herbst

Braun und knusprig, das helle Innere süß und mit saftigen Fruchtstückchen vermischt. Trotz der Ofenhitze ist der Pflaumenkuchen ein Genuss. Ich kann nicht widerstehen, öffne die Ofenklappe, ziehe das Kuchenblech ein Stückchen heraus und greife zu. Kein Teller steht bereit, mir reicht meine Hand.

Aus einem Stück werden zwei, dann drei, bis ich schließlich sechs gegessen habe. Zwischendurch geht es immer wieder raus auf den Hof meiner Großeltern – um mit meiner Schwester zu spielen oder auch mit Freunden, die wir hier irgendwann in der Nachbarschaft kennengelernt haben.

Beim nächsten Mal fahre ich mit meinem dunkelrot lackierten BMX-Fahrrad über die unbefestigten Wege auf der Rückseite des Bauernhofs, vorbei am Kartoffelkeller, großen Rhododendren, unter den Eichen hindurch, die ich beim Naschen des Pflaumenkuchens vom Küchenfenster meiner Großeltern immer im Blick habe. Oder setze mich auf mein Trike – ein Monster von einem tiefliegendem Dreirad aus buntem Plastik, versehen mit einem großen Vorderrad und bunten Flatterbändchen am gelben Lenker. Auf der Straße rattern seine Räder besonders laut.

Der Bauernhof meiner Großeltern war in meiner Kindheit ein großer Abenteuerspielplatz: Da gab es das Gerümpel hinter dem Schuppen mit dem Dieseltank, übrig gebliebene Kanalrohr-Segmente, so groß, das wir darin Buden bauen konnten, einen kleinen Sandhaufen, in dem ich mit meinem Spielzeugautos sonnige Nachmittage erlebt habe. Gut erinnere ich mich auch noch an die Rennstrecke rund um den neu gebauten Pferdestall, den wir mit unseren Fahrrädern dann um die Wette befuhren.

Der Pflaumenkuchen meiner Oma Elli gehört zu den sinnlichsten Kindheitserinnerungen an den Hof meiner Großeltern, gefolgt von den zahlreichen Gerüchen und Geräuschen, die eine Landwirtschaft mit sich bringt und die gleichzeitig fest mit positiven Erinnerungen verbunden sind.

An einem Tag im Oktober dieses Jahres habe ich wieder an diesen ganz speziellen Kuchen denken müssen. Welche Zutaten hat Oma wohl damals benutzt? Gab es ein Rezept? Könnte ich ihn vielleicht nachbacken? Ich schließe mich der Vermutung meiner Frau an, die an ihre eigene Großmutter dachte: „Sie hat die Zutaten bestimmt nach Gefühl ausgewählt. Sie wusste einfach, wie viel sie wovon brauchen würde.“ Stimmt.

Während wir miteinander sprechen, sitzen wir in einer Gaststätte ganz in der Nähe des besagten Hofs. Es gibt Bienenstich und Kranzkuchen, Tee und Kaffee und belegte Brote. Mit uns befinden sich bestimmt über 40 Menschen in diesem kleinen Saal, reden miteinander, essen und trinken und erinnern sich – an Oma Elli. Es ist die Kaffeetafel, zu der meine Mutter und ihre Geschwister im Anschluss an die Beerdigung eingeladen haben.

Meiner liebenswürdigen Großmutter, die unter anderem jenen köstlichen Pflaumenkuchen gebacken hat. Vor allem: Immer fröhlich war und sich gefreut hat, wenn sie einen ihrer Enkel oder gar Urenkel sah. Die es genoss, einfach nur zuzuhören, wenn wir uns zur großen Kaffeetafel in ihrem Zuhause trafen, beispielsweise, um einen Geburtstag oder das Weihnachtsfest zu feiern. Die jetzt gestorben ist, nachdem es ihr gesundheitlich immer schlechter ging.

Meine Frau und ich haben unseren Sohn Maximilian gefragt, ob er uns an diesem Tag begleiten will. Wir haben ihm erklärt, was ihn erwartet, beispielsweise, dass sehr viele Menschen auch traurig sein würden.

In unseren Augen hat er mit seinen 6 Jahren ebenfalls ein Recht darauf, dabei zu sein, wenn seine Urgroßmutter zu Grabe getragen wird. Maxi hat Oma Elli sehr gemocht, genau wie seinen Uropa Willi, meinen Opa, den Ehemann von Oma.

Maxi ist ernsthaft und unvoreingenommen an die Beerdigung herangegangen. Ich bin froh darüber, dass er uns begleitet hat. Seine Anwesenheit hat mir Kraft gegeben und dem traurigen Anlass einen großen Teil seiner Schwere genommen. Was mich zusätzlich sehr bestärkt hat: Meine Eltern, Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten haben sich ebenfalls aufrichtig gefreut, Maxi begrüßen zu können.

Das kommende Weihnachten wird ein anderes sein. Wir fahren an einem der Weihnachtstage nicht mehr zu meinen Großeltern, um dort zu feiern. Oder doch? Ich fände schön, meine Oma und auch meinen Opa auf diese Art zu ehren: Indem wir uns trotzdem in ihrem ehemaligen Zuhause treffen und uns gemeinsam auch an sie erinnern. Oder zumindest in unserem großen Familienkreis, möglicherweise regelmäßig an einem festen Tag im Sommer.

Denn: Irgendwie werden sie ja immer noch da sein, oder? Tief in uns, in unseren Gedanken, aber auch in unserem Umgang mit anderen Menschen – weil sie uns geprägt haben.

Oma Elli, gute Reise. Grüße auch Opa von uns, in Ordnung?

Dein Nico

2 Kommentare

  1. Aufrichtiges Beileid!
    Das mit dem Treffen der Familie ist eine wundervolle Idee. So machen wir das auch, jedes Jahr am Geburtstag meiner Oma Leni (die nicht mehr miterleben durfte, dass wir ihre Tochter nach ihr benannt haben). Wie kann man VORfahren besser ehren als mit der Zusammenkunft der Familie, die sie geschaffen haben?
    Und: Eines Tages werden deine Enkel vllt auch bei einem bestimmten, einzigartigen Geschmack/Geruch an euch denken und sich zu Hause fühlen. Schöne Vorstellung, oder?
    Liebe Umarmung,
    Mara/ErdbeerLila

    1. Hi Mara, Danke für deine lieben Worte. Ja, der Gedanke ist schön, dass auch wir irgendwann Enkel haben, die ganz bestimmte Dinge gerne mit Oma und Opa verbinden. Auch wenn das noch in weiter Ferne liegt. Möge es so sein! Beste Grüße, Nic

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