Blinddarm-Durchbruch und ein Schutzengel

Notaufnahme

Nachmittags bin ich noch auf einem Termin. Richtig wohl ist mir da bereits nicht mehr. Fencheltee oder bequemere Sitzhaltungen, nichts hilft gegen die Bauchschmerzen. Abends bade ich noch im guten Glauben, einfach nur Krämpfe zu haben. Kurz nach Mitternacht lasse ich mich dann mit einem Taxi in die Notaufnahme bringen.

Ende Juli werde ich von einem Tag auf den anderen aus dem Spiel genommen. 

Ich weiß noch, dass bereits in der Notaufnahme über einen entzündeten Blinddarm spekuliert wird. Und am nächsten Tag steht tatsächlich fest: Er muss raus. Mein Gedanke in jenem Moment, fast etwas amüsiert: Jetzt bist auch du ihn bald los! Routine-Eingriff, in ein paar Tagen wirst du wohl wieder draußen sein. Das denke ich auch noch, als mir später mitgeteilt wird, dass mein Blinddarm bereits durchgebrochen war, als die OP durchgeführt wird.

Leider bin ich nicht ein paar Tage später draußen. Es geht in die andere Richtung: Die Blutwerte werden schlechter. Die Schmerzen schlimmer. Mein Bauch: Extrem empfindlich. Dann die Botschaft nach einer Untersuchung im Computer-Tomographen: Wir müssen noch einmal operieren.

Ich bin nachträglich froh darüber, dass nicht erst weniger große Eingriffe versucht wurden.

Tabletten in Serie
Ständiger Begleiter. Zeitweise habe ich
sieben Stück auf einmal schlucken dürfen.

Weil sich während der 2. OP herausstellt, dass der Blinddarm-Durchbruch den umliegenden Darmbereich beschädigt hat. So sehr, dass Teile entfernt werden müssen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte die OP erst später stattgefunden.

Ich hatte einen Schutzengel. Nach insgesamt drei Wochen im Krankenhaus konnte ich vor kurzem endlich wieder nach Hause.

Und ich habe auch selbst etwas dafür getan, wieder gesund zu werden.

Was könnt Ihr für die Genesung selbst beeinflussen, fragt Ihr Euch?

Ich nenne aus eigener Erfahrung 10 Dinge, die in meinen Augen für jeden wertvoll sind, der einmal operiert wird.

  1. Die eigene Mobilität – wenn Ihr Euch bewegen sollt und könnt, macht das unbedingt. Auch wenn es weh tut. Oder es sich anfangs anfühlt, als ob Ihr Euch durch Treibsand bewegt. Bereits in der ersten Woche im Klinikbett beginnt der Muskelabbau. Mir ist selbst das Steigen einer einzelnen Stufe sehr schwer gefallen.
  2. Euer Verhältnis zu Schmerzmitteln – wer zu wenig nimmt, weil er meint, tapfer sein zu müssen, geht den falschen Weg. Schmerzen bremsen Eure Genesung aus. Ich hatte im Verlauf der drei Wochen unter anderem eine Schmerzpumpe an meiner Seite, über die ich mir selbst in bestimmten Abständen Schmerzmittel geben konnte. Parallel gab es entsprechende Pflaster, Medikamente über die Zugänge als auch in „Schnapsform“.
  3. Ein Bild von mir
    Rührend: Mein Sohn Maxi wollte unbedingt
    ein Bild von mir an seinem Bett wissen.
    Dafür nahm er meinen Firmenausweis.

    Euren Flüssigkeitshaushalt – selbst wenn es schwer fällt und kein Durst da ist, trinkt, trinkt, trinkt – mindestens 2 Liter am Tag. Wasser ist für die Wundheilung wichtig. Wasser schützt Euch davor, irgendwann nicht mehr richtig denken zu können. Eine Zeitlang hatte ich keinen Durst auf Wasser – prompt kamen die Kopfschmerzen. Und der Tropf.

  4. Euren Besuch. Wenn Ihr keine Lust auf Besuch habt, sagt das klar und deutlich. Erst, wenn Ihr Euch wohl damit fühlt, gebt Bescheid. Wenn jemand da ist und Ihr genug habt, hebt die Hand. Niemand darf Euch einen Vorwurf daraus stricken, dass Ihr Ruhe für Eure Genesung sucht. Das gilt ebenfalls für …
  5. Eure Telefonate und Euren Medienkonsum. Ich habe mein Smartphone große Teile des Tages abgeschaltet. Erst ab einer bestimmten Uhrzeit habe ich es dann wieder eingeschaltet, etwa, um mit meiner Familie zu telefonieren. Das gilt ebenso für Fernsehen, Internet, Zeitschriften oder Radio. Habt Ihr Lust darauf, macht es. Seid Ihr zu erschöpft, lasst es sein.
  6. Euren Gefühlshaushalt. Ich weiß, es klingt einfach. Aber: Denkt so oft es geht an positive Dinge. Freut Euch auch über kleine Fortschritte, etwa, wenn Ihr merkt, dass Ihr endlich einmal besser geschlafen habt.
  7. Hilfe, die Ihr von anderen Menschen annehmt. Zu Beginn ist war es für mich ungewohnt, selbst beim Duschen Unterstützung zu benötigen. Aber es tat so verdammt gut, sich gerade nach anstrengenden Nächten wieder frisch zu fühlen. Selbst, wenn Eure Hilfe nur neben Euch steht und Ihr vieles alleine schafft, ist das eine immense Hilfe. Nehmt Hilfe an. Womit wir zu Punkt 8 kommen.
  8. Eure Freundlichkeit. Auch Schwestern und Pfleger oder Ärzte können einen schlechten Tag oder Moment haben. Gebt ihnen eine 2. Chance. Wenn Euch jemand freilich nicht ernst zu nehmen scheint, bleibt standhaft. Ich erinnere mich an einen frisch gelegten Zugang, der immer mehr schmerzte. Die erste Schwester konnte das nicht glauben, erst die zweite zog ihn dann raus. Ihr steckt in Eurem Körper, nicht das Personal.
  9. Zwieback mit Milch
    Leibspeise, nachdem zeitweise überhaupt nichts mehr ging:
    Zwieback mit Milch und Zucker. Tut Magen und Seele gut.

    Eure Mitpatienten. Ihr müsst nicht alles ertragen, nur, weil sie mit Euch auf einem Zimmer liegen. Mitternächtliche Schnarch-Arien. Redefluss zu später Stunde. Zu viel Besuch. Lasst Euch Ohropax geben. Sagt, dass Ihr schlafen wollt und zu müde seid, um Euch noch zu unterhalten. Wird Euch fremder Besuch zu viel und Ihr wollt Euch erholen, sagt genau das. Hierbei Punkt 8 zu würdigen, hilft auch dann.

  10. Eure Genussmomente. Selten hat mir Brot mit Butter und Käse sowie Schinken so gut geschmeckt wie im Krankenhaus. Oder Haferflocken mit Milch. Tee mit Milch und Zucker. Jogurt. Noch immer genieße ich eingeweichten Zwieback.Wenn Ihr etwas genießen könnt, macht das.

    Freut Euch über den ersten Gang in den Garten, der möglich war, weil Ihr etwas für Punkt 1 getan habt. Genießt das frische Bettlaken oder die Creme mit Eukalyptus-Extrakt, dank der Ihr wieder durchatmen könnt. Würdigt Momente, in denen Schwestern, Pfleger oder Ärzte Nächstenliebe zeigen.

    Vor allem: Wenn Eure Familie da ist, genießt diese Momente ganz besonderes. Freut Euch darauf, irgendwann wieder zu Hause zu sein. Gerade meine Familie und vor allem meine Frau haben mir viel Kraft gegeben.

Wie geht es für mich jetzt weiter?

Bis letzte Woche Montag war ich krankgeschrieben, dann ging es endlich wieder zur Arbeit und in den Berufsalltag. Bis dahin hatte fast täglich ein Pflegedienst nach mir geschaut und den Verband auf meinem Bauch gewechselt – so lange, bis ich selbst dafür sorgen konnte.

Ich freue mich darüber, wieder bei meinen Liebsten zu sein. Wenn ich verschnaufen will, sage ich Bescheid. Ich sammle Kraft und versuche auch zu Hause, die oben genannten Punkte zu beherzigen. Es wird!

Ihr habt selbst etwas vor Augen, das Euch bei einer ähnlichen Herausforderung geholfen hat? Einen Tipp oder eine schöne Erfahrung?

Dann freue ich mich über Euren Kommentar.

Wenn Ihr wollt, tragt Euch außerdem sehr gerne für meinen Newsletter (siehe oben rechts!) ein oder folgt mir auf Twitter. Wenn ich einen Beitrag veröffentliche, wisst Ihr wenig später davon.

Beste Grüße & bleibt gesund!

Nico

4 Kommentare

  1. Mensch Nico, was machst du nur für Sachen. Jetzt weiß ich auch endlich was los ist und warum ich dich so lange nicht gesehen habe! Ich hoffe sehr dass es dir jetzt wieder besser geht und von deiner Geschichte kann ich nur ein Lied von singen. Hoffentlich bis bald und weiterhin eine gute Besserung.

    1. Hi, ja, das hatte ich mir auch anders vorgestellt. Gerade die erste Woche war überaus fordernd. Nie wieder werde ich einen entzündeten Blinddarm einfach nur so abtun. Wenn’s blöd läuft, wird es kritisch. Danke für deine Wünsche! Beste Grüße, Nic

    1. Hey,

      Danke für deinen Besuch und deinen Zuspruch. Beides freut mich! Ich gelobe Genesung. Jetzt geht’s erst einmal ins Bett – zufrieden, nachdem dieser Blogpost dann endlich veröffentlicht wurde.

      Best, Nic

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