Kein normaler Sonntagvormittag

Herbst Blatt

Wir stehen auf dem Parkplatz der Kirche. Der Boden ist feucht, es hat geregnet. Mein Sohn Maximilian schaut mir in die Augen: „Papa, läuft der Regen auch in den Sarg?“ Ich muss kurz schlucken. Was antworte ich? Ich entscheide mich dafür, nicht zu lügen oder ein Märchen zu erzählen, nur, um meinem Sohn die Wahrheit zu ersparen.“Ja“, sage ich: „Jetzt aber noch nicht, Max.“

Ich bücke mich und nehme eines der Blätter auf, die auf dem matschigen Untergrund liegen. Eines, das noch relativ sauber ist. Zwischen Zeige-, Mittelfinger und Daumen drehe ich das Blatt am Stiel um die eigene Achse: „Mit dem Sarg ist es wie mit diesem Blatt: Er wird irgendwann wieder zu Erde, zu Humus, und daraus kann etwas Neues entstehen.“ Mein Sohn Maximilian nickt und schaut mich an: „Zum Beispiel ein neuer Baum?“ – „Ja, eine gute Idee – zum Beispiel ein neuer Baum!“

Sonnenuntergang
Der Tag verabschiedet sich. Die Nacht bricht herein.
Und am nächsten Morgen beginnt ein neuer Tag.
Foto: CCPAPA, pixabay

Wie erkläre ich meinem fünfjährigen Sohn den Tod? Oder, wenn ein Mensch, den er gekannt hat, nicht mehr zurückkommt, weil er gestorben ist? Ich habe mich in diesem Fall dafür entschieden, einen Mittelweg zu gehen. Oberster Leitsatz: Lüge dein Kind nicht an. 2. Leitsatz: Erschrecke ihn gleichzeitig nicht mit Details, die sein Vorstellungsvermögen übersteigen. 3. Achte auf seine Bedürfnisse und 4. versuche, die Dinge einfach zu halten.

Ein tapferer Hase hilft mit

Ein ganz bestimmtes Buch war mir hierbei eine schöne Hilfe, eine Möglichkeit, eine Brücke zu bauen. „Der beste Freund für alle Fälle“ aus der Arena-Buchreihe rund um den Kaninchenjungen Juli Löwenzahn (siehe rechts).

Juli ist ein pfiffiger aufgeweckter Hase, der in meinen Augen Herausforderungen besteht, die auch ein fünfjähriger heranwachsender junger Mensch wie mein Sohn Maxi erlebt oder bereits gemeistert hat. Den ersten Tag im Kindergarten beispielsweise. Eine Mutprobe zu bestehen und etwas zu versuchen, das er vorher noch nicht gelernt hat. Etwa, alleine an die Ladentheke zu treten und einzukaufen. Oder eben das erste Mal in seinem Leben mit dem Tod konfrontiert zu werden.

In einem der Kapitel des Buches von Andreas Schmacht verstirbt nämlich Julis‘ Goldfisch. Von einem Tag auf den anderen schwimmt der Fisch nicht mehr in seinem Glas herum – als Juli von der Schule heimkehrt, erwartet ihn seine Mutter bereits mit einem traurigem Gesicht.

Was dann folgt, ist einfühlsam gezeichnet und beschrieben: Die Familie von Juli tröstet ihren kleinen Hasen. Gemeinsam tragen sie den Goldfisch zu Grabe. Juli ist dabei verständlicherweise sehr traurig. Gleichzeitig ist er tapfer – er begegnet dem Tod ohne Scheu und findet in den Erklärungen seiner Familie Trost. Hier wird auch ein Bild des Wandels benutzt, das mir wiederum im Gespräch mit meinem Sohn hilft.

Ein Stückchen erwachsener

Am besagten Sonntag war mein Sohn Maximilian tapfer. Er hat den Gottesdienst mit uns gemeinsam gemeistert, trotz der zahlreichen Längen, die dieser hatte. Er versuchte mitzusingen, obwohl er keine der Zeilen kannte. Sein Summen gefiel mir aber noch besser als jede Stimme in der Kirche. Er hatte das Gefühl fragen zu dürfen, wenn ihn etwas beschäftigt – etwas, auf das ich mit meiner Frau stolz sein darf.

Und Maximilian wählte bestimmt zwei Astern aus, die er dann in seinem Namen und im Namen seines kleinen Bruders Jesse auf das Grab legte.

Das Grab eines meiner Großväter. Am Dienstag in derselben Woche war dieser beerdigt worden. Teil des Gottesdienstes am besagten Folgesonntag war die Verlesung der Verstorbenen, zu denen auch mein Großvater zählte. Und eine Taufe.

Opa Willi, schön dass es dich gab.
Auch mein Sohn Maxi hat dich sehr gern gehabt.

3 Kommentare

  1. Es hört sich gut an, wie Ihr mit dem Tod und Maxis Fragen dazu umgeht. Das ist ein Thema, das uns aus aktuellem Anlass ebenfalls beschäftigt. Ich überlege, eine Blogparade dazu zu gestalten. Vielleicht magst Du ja teilnehmen, wenn es soweit ist…?
    LG Jasmin

    1. Hallo, Jasmin, Danke für deinen Besuch und dein Feedback. Zur Teilnahme: Da kann ich leider noch nichts versprechen. Ich denke und hoffe, dass ich ab März wieder richtig zum Bloggen komme. Liebe Grüße, Nico

  2. Hallo Nico,

    vielen Dank für diesen schönen Beitrag, auch wenn ich jetzt ein bisschen verheult bin ;-).

    Meine Erfahrung ist, das meine Kinder herrlich unbeschwert mit dem Tod umgehen. Er gehört zum Leben dazu.

    Mein Großer (6) meinte gestern ganz locker: „Ich finde den Gedanken schön, nach dem Tod als Tier wiedergeboren zu werden. Ich werde dann ein Eichhörnchen und werde dich jeden Tag erfreuen.“ (Eichhörnchen sind meine Lieblingstiere)

    Mein Kleiner (4) ist der Meinung, wenn jemand stirbt, bleibt er sowieso bei einem. Er legt dann immer seine Hand auf sein Herz.

    Ich hätte gerne etwas von dieser Einstellung. Leider ist dem nicht so.

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